{"id":1424,"date":"2016-05-31T12:49:39","date_gmt":"2016-05-31T11:49:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.botanik-sw.de\/BAS\/module\/wordpress\/?p=1424"},"modified":"2016-06-28T15:06:44","modified_gmt":"2016-06-28T14:06:44","slug":"welche-bedeutung-hat-bei-wissenschaftlichen-pflanzennamen-die-angabe-des-autors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.botanik-sw.de\/BAS\/module\/wordpress\/?p=1424","title":{"rendered":"Welche Bedeutung hat bei wissenschaftlichen Pflanzennamen die Angabe des Autors?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum bei der Floristischen Kartierung Konzeptsippen wichtiger sind als die Angabe des Autorennamens.<\/strong><\/p>\n<p>von THOMAS BREUNIG<\/p>\n<p>Vortrag beim Kartierertreffen im Staatlichen Museum f\u00fcr Naturkunde Stuttgart am 27. Februar 2016<\/p>\n<p>Autorennamen von wissenschaftlichen Pflanzennamen und ihre Abk\u00fcr\u00adzungen kennen wir alle, zum Beispiel L. f\u00fcr Linnaeus oder \u201eDC.\u201c f\u00fcr De Candolle, einem Schweizer Botaniker aus Genf. Was diese Autorennamen aussagen, ist aber nach Manfred A. Fischer, einem der Autoren der Exkursionsflora von \u00d6sterreich, Lichtenstein und S\u00fcdtirol, \u201eleider weithin entweder unbekannt oder aber, was schlimmer ist, sie werden falsch verstanden.\u201c Ausf\u00fchrlich begr\u00fcndet er dies in einem lesenswerten Artikel in Band 7 (S. 195-229) der Zeitschrift Neilreichia, dessen Kernaussagen im Folgenden mitgeteilt werden.<\/p>\n<p>Woher kommt das?<!--more--><\/p>\n<p>Allgemein bekannt ist leider nur, dass dies die Namen der Erstbenenner und Erstbeschreiber einer Pflanzen-, Pilz- oder Tierart sind. Hingewiesen sei aber darauf, dass zu den Autorennamen eigentlich auch das Ver\u00f6f\u00adfentlichungsdatum geh\u00f6rt, wodurch sie zu einem Autorenzitat werden, welches das Werk angibt, das die Erstbeschreibung enth\u00e4lt. In diesem Moment der Erstbeschreibung ergibt sich aus dem wissen\u00adschaftlichen Namen eindeutig, welche Pflanzensippe in welcher taxono\u00admischen Abgrenzung gemeint ist. Daf\u00fcr sorgen die Beschreibung der Art und der dazugeh\u00f6rige Herbarbeleg, der sogenannte Typusbeleg. Im Idealfall besteht dieser Beleg aus einem einzigen Exemplar, dem sogenannten Holotypus. Durch diesen Beleg ist im Prinzip f\u00fcr immer und ewig geregelt, zu welcher Sippe der neue Name geh\u00f6rt, n\u00e4mlich zu genau der Sippe, zu der auch der Typusbeleg geh\u00f6rt. Nur solange es ein einziges taxonomisches Konzept gibt \u2013 wie im Moment der Erstbeschreibung \u2013 ist der wissenschaftliche Pflanzenname f\u00fcr sich allein eindeutig. Mit fortschreitenden taxonomischen Erkenntnissen kann aber der ein\u00addeutige Bezug zwischen dem Namen und dem Inhalt des Namens, also dem, was er bedeutet, verloren gehen. Dies ist h\u00e4ufig der Fall. Mit der Zeit wachsen n\u00e4mlich in der Regel die Kenntnisse zu einer Art und damit kann sich deren taxonomische Fassung \u00e4ndern \u2013 der Erst\u00adbeschreiber bleibt auf Dauer nicht der beste Kenner \u201eseiner\u201c Art, er ist nur ihr \u201eEntdecker\u201c.<\/p>\n<p>Arten k\u00f6nnen bei neuen taxonomischen Konzepten weiter oder enger gefasst werden als bei ihrer Erstbeschreibung. Ihre Namen einschlie\u00dflich des Autors bleiben aber trotzdem gleich \u2013 das ist der Knackpunkt. Das dies so ist, wurde durch die international anerkannten Nomenklatur-Regeln, den Internationalen Code der Nomenklatur f\u00fcr Algen, Pilze und Pflanzen [ICN] (bis 2011 Internationaler Code der Botanischen Nomenklatur [ICBN]) festgelegt und macht auch Sinn. Andernfalls m\u00fcssten bei jedem neuen taxonomischen Konzept neue Namen erfunden werden, ein Namens-Chaos w\u00e4re im Laufe der Zeit die Folge. Diese Regelung hat aber den Nachteil, dass die Eindeutigkeit dessen, was ein wissenschaftlicher Artname bedeutet, verloren gehen kann. Und es ist leider ein Irrglaube, dass die Hinzuf\u00fcgung des Autorennamen daran etwas \u00e4ndern w\u00fcrde. Daf\u00fcr gibt es viele Beispiele. Eines davon ist <em>Solanum nigrum<\/em> L., der in Baden-W\u00fcrttemberg weit verbreitete Schwarze Nachtschatten. Unter diesem Namen verbirgt sich zum Beispiel nach dem taxonomischen Konzept des \u201eSchmeil-Fitschen\u201c (93. Auflage, 2006) etwas anderes als nach dem taxonomischen Konzept des \u201eRothmaler\u201c (20. Auflage, 2011).<\/p>\n<p>Im ersten Fall handelt es sich um den Schwarzen Nachtschatten mit den beiden Unterarten subsp. <em>nigrum<\/em> und der oberw\u00e4rts dicht dr\u00fcsig behaarten, vor allem im Oberrheingebiet nicht seltenen subsp. <em>schultesii<\/em>. Der \u201eRothmaler\u201c versteht unter <em>Solanum nigrum<\/em> L. dagegen nur eine der beiden Unterarten, er wertet die beiden Unterarten zu Arten auf. Aus subsp. <em>nigrum<\/em> wird dadurch die Art <em>Solanum nigrum<\/em> L., aus subsp. <em>schultesii<\/em> die Art <em>Solanum decipiens<\/em> Opiz. Je nachdem welche Exkursionsflora wir verwenden, meinen wir also mit <em>Solanum nigrum<\/em> L. etwas anderes. Der angeh\u00e4ngte Autorennamen \u201eL.\u201c bringt hier \u00fcberhaupt keine Klarheit. Klar wird es erst wieder, wenn man den Namen mit dem taxonomischen Konzept verkn\u00fcpft, also zum Beispiel <em>Solanum nigrum<\/em> im Sinne von Schmeil-Fitschen oder im Sinne von Rothmaler, und dabei auch die Auflage des Referenzwerks angibt, weil sich auch innerhalb der einzelnen Bestimmungsb\u00fccher die Bedeutung eines Namens im Laufe der Zeit \u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>Solche \u201everkn\u00fcpften\u201c Namen bezeichnet man als Taxonyme oder Konzeptsippen. Gleiche Namen mit unterschiedlicher Bedeutung unterscheidet man dabei durch Zus\u00e4tze, die sie zu Konzeptsippen werden l\u00e4sst:<\/p>\n<p>s.l. = sensu lato, im weiten Sinne, wie <em>Solanum nigrum<\/em> L. bei Schmeil-Fitschen<br \/>\ns.str. = sensu stricto, im engen Sinne, wie <em>Solanum nigrum<\/em> L. bei Rothmaler<br \/>\nagg. = Aggregat, Artengruppe, zum Beispiel <em>Carex flava<\/em> agg. mit den Arten <em>Carex demissa<\/em>, <em>Carex flava<\/em>, <em>Carex lepidocarpa<\/em> und <em>Carex viridula<\/em>.<\/p>\n<p>Aggregate fassen \u00e4hnliche, nicht leicht unterscheidbare aber nicht unbedingt nah verwandte Arten zusammen.<\/p>\n<p>Es ist also leider ein wenig komplizierter als man es gerne h\u00e4tte, und leider sind die F\u00e4lle, in denen ein wissenschaftlicher Artname f\u00fcr sich allein nicht eindeutig ist, nicht gerade selten. Je nachdem, auf welches taxonomische Konzept sich die Namen beziehen, verbirgt sich dahinter etwas anderes. Einige wenige Beispiele aus Baden-W\u00fcrttemberg verdeutlichen dies. Die h\u00e4ufigere Sippe, die zu dem Artnamen im weiten Sinne geh\u00f6rt, ist jeweils unterstrichen:<\/p>\n<p><em>Epilobium tetragonum<\/em> s.l. = <em>Epilobium lamyi<\/em> + <em><u>Epilobium tetragonum<\/u><\/em><u> s.str<\/u>.<br \/>\n<em>Erophila verna<\/em> s.l. = <em>Erophila praecox<\/em> + <em>E. spathulata<\/em> + <em><u>E. verna<\/u><\/em><u> s.str<\/u>.<br \/>\n<em>Galium mollugo<\/em> s.l. = <em><u>Galium album<\/u><\/em> + <em>Galium mollugo<\/em> s.str.<br \/>\n<em>Lamium galeobdolon<\/em> s.l. = <em>Lamium galeodolon<\/em> s. str. + <em><u>L. montanum<\/u><br \/>\nSolanum nigrum<\/em> s.l. = <em>Solanum decipiens<\/em> + <em><u>Solanum nigrum<\/u><\/em><u> s.str<\/u>.<\/p>\n<p>Bei floristischen Kartierungen bedeutet dies, dass man bei Fundmeldungen getrost auf Autorennamen verzichten kann, andererseits aber angeben muss, auf welches Referenzwerk sich die Namen beziehen. Nur dadurch erhalten die Namen eine konkrete Bedeutung, werden also Taxonyme.<\/p>\n<p>Geeignete Referenzwerke sind zum einen vollst\u00e4ndige Florenlisten f\u00fcr ein Gebiet. Bei ihnen ergibt sich aus dem Kontext, in welchem Sinn ein Name zu verstehen ist. Beispiele sind die Florenliste von Baden-W\u00fcrttemberg von Buttler &amp; Harms (1998) und die Florenliste zum Kartierprojekt \u201eFlora des Kantons Z\u00fcrich (Z\u00fcrcherische Bot. Ges. 2014, siehe www.floz.zbg.ch). Auch die Anstreichliste der BAS ber\u00fccksichtigt solche Konzeptsippen, allerdings enth\u00e4lt sie bislang nur die 700 h\u00e4ufigsten Arten Baden-W\u00fcrttembergs. Noch g\u00fcnstiger als Referenz ist die Angabe des benutzen Bestimmungswerkes oder der benutzten Bestimmungsschl\u00fcssel. Die Angabe eines Referenzwerks wie z.B. \u201eDie Namen der Farn- und Bl\u00fcten\u00adpflanzen richten sich nach Rothmaler (2011)\u201c ist sowohl bei wissen\u00adschaftlichen Ver\u00f6ffentlichungen als auch bei Fundortmeldungen, Arten\u00adlisten von Kartierexkursionen und Vegetationsaufnahmen grunds\u00e4tzlich wichtig, das Anh\u00e4ngen von Autorennamen w\u00e4re dagegen nur unn\u00f6tige Flei\u00dfarbeit.<\/p>\n<p>Die derzeit im Auftrag der LUBW in Bearbeitung befindliche neue Florenliste f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg wird Konzeptsippen enthalten und wird kompatibel sein zur ebenfalls in Bearbeitung befindlichen Florenliste Deutschland. Sie ist dadurch zuk\u00fcnftig \u2013voraussichtlich ab 2017 \u2013 ein geeignetes Referenzwerk f\u00fcr die floristische Kartierung in Baden-W\u00fcrttemberg. Sinnvoll f\u00fcr die floristische Kartierung w\u00e4re die Erstellung einer Kurzfassung, welche zum Nachschlagen mit ins Gel\u00e4nde genom\u00admen werden kann. Sie k\u00f6nnte wie beim Projekt \u201eFlora von Z\u00fcrich\u201c eine Kennzeichnung enthalten, von welchen Sippen genaue, punktscharfe Fundortangaben sowie Herbarbelege erw\u00fcnscht sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum bei der Floristischen Kartierung Konzeptsippen wichtiger sind als die Angabe des Autorennamens. von THOMAS BREUNIG Vortrag beim Kartierertreffen im Staatlichen Museum f\u00fcr Naturkunde Stuttgart am 27. Februar 2016 Autorennamen von wissenschaftlichen Pflanzennamen und ihre Abk\u00fcr\u00adzungen kennen wir alle, zum Beispiel L. f\u00fcr Linnaeus oder \u201eDC.\u201c f\u00fcr De Candolle, einem Schweizer Botaniker aus Genf. 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