{"id":2707,"date":"2020-12-22T12:10:02","date_gmt":"2020-12-22T11:10:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.botanik-sw.de\/BAS\/module\/wordpress\/?p=2707"},"modified":"2021-04-06T17:35:06","modified_gmt":"2021-04-06T16:35:06","slug":"von-blumen-pflanzen-und-so-manchem-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.botanik-sw.de\/BAS\/module\/wordpress\/?p=2707","title":{"rendered":"Von Blumen, Pflanzen und so manchem mehr"},"content":{"rendered":"<p>PETER M\u00dcLLER, Karlsruhe<\/p>\n<p>Es war einmal ein \u00e4lterer Herr, der eigentlich schon von Kindesbeinen an gerne auf Blumen schaute und sich an ihrem Anblick erfreuen konnte. Als er schon ein wenig \u00e4lter geworden war und einen Fotoapparat besa\u00df, kniete er sich regelm\u00e4\u00dfig vor ganz besonders sch\u00f6nen Exemplaren nieder und machte davon ein Bild, das er zu besonderen Anl\u00e4ssen gerne auch verschenkte. Zwar interessierte er sich daf\u00fcr, wie die Bl\u00fcmchen hie\u00dfen. Aber das war ihm nicht wirklich wichtig, zumal er feststellte, dass es eine ziemliche M\u00fche bereitete, unbekannte Arten in seinen B\u00fcchern aufzusp\u00fcren. Also hatte er sich, ohne darunter zu leiden, damit abgefunden, die Namen mancher der Sch\u00f6nheiten zu kennen, die der Mehrzahl aber nicht.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Eines Tages \u2013 da war er schon l\u00e4ngere Zeit aus dem aktiven Leben ausgeschieden \u2013 wurde ihm zugetragen, dass sich in seiner Heimat Menschen zusammen gefunden hatten, um auf gemeinsamen Exkursionen die gro\u00dfe Vielfalt der Pflanzen in der Natur, aber auch auf Pl\u00e4tzen, Gr\u00fcnstreifen, B\u00fcrgersteigen und Stra\u00dfenr\u00e4ndern festzuhalten. Er \u00fcberlegte, ob er sich dieser Gruppe anschlie\u00dfen sollte, denn alleine schon die Aussicht auf regelm\u00e4\u00dfige Rundg\u00e4nge schien ihm \u00e4u\u00dferst reizvoll. Allerdings z\u00f6gerte er, denn er erfuhr, dass dieser Gruppe ausgewiesene PflanzenkennerInnen angeh\u00f6rten, die man in Fachkreisen BotanikerInnen nennt. Das schreckte ihn ab, denn was h\u00e4tte ein blutiger Laie wie er in diesem erlauchten Kreise von ExpertenInnen zu suchen. Erst als ihm ernsthaft versichert wurde, dass alleine die Liebe zu den Pflanzen schon ausreichte, um dieser Vereinigung hochkar\u00e4tiger SpezialistInnen beizutreten, traute er sich und f\u00fcllte sein Anmeldeformular aus.<\/p>\n<p>Schnell lernte er, dass es mit dem, was er Zeit seines Lebens so sehr zu sch\u00e4tzen und zu lieben gelernt hatte, noch lange nicht getan war. Freundlich, aber bestimmt wies man ihn des \u00d6fteren bei Zusammentreffen der ExpertInnen darauf hin, dass die Bl\u00fcmchen einzuordnen seien in das gro\u00dfe Feld der Botanik, einem weiten Feld, wie man ihm vielsagend zuraunte. Er war dankbar f\u00fcr jegliche Hinweise, die man ihm gab, und saugte wissbegierig jeden einzelnen davon auf. Schlie\u00dflich hatte er sich dazu entschieden, trotz seines fortgeschrittenen Alters in den Stand eines Novizen zu treten. Er war dazu bereit, alles zu \u00fcberh\u00f6ren, was ihn davon h\u00e4tte ablenken k\u00f6nnen, sein Ziel zu erreichen. M\u00f6glicherweise aus seiner Lebenserfahrung heraus hatte er sich instinktiv daf\u00fcr entschieden, dieses Ziel nicht allzu zu hoch zu stecken, denn er war sich sicher, dass es in seinem Alter beinahe unm\u00f6glich war, irgendwann einmal sich verwandelt zu haben von einem offensichtlichen Dilettanten oder gar Unwissenden\u00a0 in einen wahrhaftigen Botaniker. Aber \u2013 so sein Fazit, das auch eine sanfte Form des Selbstschutzes beinhaltete \u2013 warum sollte er nicht dahin kommen, sich so viele Grundkenntnisse anzueignen, dass die Koryph\u00e4en bereit waren, ihn als engagierten Freizeit-Botaniker anzuerkennen, dessen Mitwirken in ihrem erlauchten Kreis gro\u00dfz\u00fcgig geduldet wurde.<\/p>\n<p>Er lie\u00df sich nicht entmutigen, an den botanischen Montagsexkursionen teilzunehmen, obwohl er sich anfangs von den beinahe \u2013 so schien es ihm zumindest \u2013 unz\u00e4hlbaren ihm v\u00f6llig fremden Namen f\u00fcr die Pflanzen, die ganz offensichtlich umherstanden, \u00fcberw\u00e4ltigt f\u00fchlte. Diese und jene davon hatte er da oder dort in seinem langen Leben schon zu Gesicht bekommen. Aber die Zahl derer, die ihm noch nie vor Augen gekommen bzw. aufgefallen waren, war unendlich gro\u00df. Wurde ihm dies w\u00e4hrend einer der Exkursionen bewusst, so begann ihm immer wieder der Kopf zu brummen. Auch bewegte sich die Gruppe der ExpertInnen, die sich gut gelaunt lateinische Begriffe zurief, nicht selten so rasch durch das Gel\u00e4nde, dass er nur hinterher stolpern konnte und sich vorkam wie ein Analphabet. Aber das verdross ihn nicht, vielmehr z\u00e4hlte er das zu dem, was man im Volksmund so zutreffend damit beschreibt, dass ein jeder Lehrgeld zahlen m\u00fcsse. Au\u00dferdem stellte er bald schon fest, dass die Weisheit eines gro\u00dfen Dichters auch f\u00fcr ihn zutraf: wo die Not gro\u00df ist, w\u00e4chst auch das Rettende. Vor so mancher Pflanze baute sich bei den Naturg\u00e4ngen beinahe die gesamte Gruppe auf und begann leidenschaftlich dar\u00fcber zu diskutieren, welchen Fund man da gerade gemacht habe. Da hatte der Neue gen\u00fcgend Zeit, sich diesen genauer anzuschauen. In solchen Momenten kam es auch schon mal vor, dass die ExpertInnen ordentlich miteinander stritten, weil sie sich nicht darauf einigen konnten, um welche Pflanze es sich genau handelte. Ihm gefiel, wie man sich da Merkmale der Pflanze miteinander austauschte, was aber nicht zwangsl\u00e4ufig zu einer eindeutigen Entscheidung der Anwesenden f\u00fchrten musste. Als befreiend erlebte es der Blumenliebhaber dann, wenn sich eine*r der ExkursionsteilnehmerInnen in der gelehrten Disputatio pl\u00f6tzlich b\u00fcckte, die Pflanze ausriss und verk\u00fcndete, diese zu Hause in aller Ruhe nachzubestimmen. Die sich nun schlagartig einstellende Stille genoss der Novize in vollen Z\u00fcgen.<\/p>\n<p>Nachdem er an einigen Exkursionen teilgenommen hatte, fielen sowohl sein Erscheinen als auch seine Hilfsbed\u00fcrftigkeit in der Gruppe einigen auf, die sich freundlicherweise seiner ein bisschen annahmen. Man nannte ihm zu seiner Freude die wissenschaftlichen Namen von Pflanzen, die man ihm mit einem Augenzwinkern in die Hand dr\u00fcckte oder die unmittelbar vor seinen F\u00fc\u00dfen aufragten. Wenn er die Namen nicht richtig verstand, wiederholte man sie ihm geduldig, bis er die korrekte Schreibweise in seinem Exkursionsheft stehen hatte, das er als Lernbegieriger von Anfang an mit sich f\u00fchrte. Und einige Helfende erbarmten sich nach und nach seiner, der sich insgeheim immer w\u00fcnschte, auch als botanisch Ungebildeter mit einem Pflanzennamen durchaus eine bestimmte Vorstellung verbinden zu k\u00f6nnen. Als der Neue dies mehrmals mitgeteilt hatte, \u00fcberraschten sie ihn eines Tages und beschenkten ihn damit, dass sie eine ihm unbekannte Art mit dem Namen bezeichneten, den die deutsche Sprache zur Verf\u00fcgung stellt. Er hatte gerade in diesen Momenten das Gef\u00fchl, deutliche Fortschritte machen zu k\u00f6nnen, auch wenn die ExpertInnen nicht m\u00fcde wurden, ihn auf die Wichtigkeit der Kenntnis der wissenschaftlichen Namen hinzuweisen. Die Zahl der Arten, die er in seinem Exkursionsheft eintragen und zu Hause in aller Ruhe nacharbeiten konnte, wuchs und wuchs, was ihn gl\u00fccklich machte. Und zugleich wuchs in ihm nach und nach die Gewissheit, in der genau richtigen Gruppe gelandet zu sein und mit ihr das Abenteuer Pflanzenbestimmung mit gro\u00dfem Gewinn zu erleben, wof\u00fcr er dankbar war. Zwar hatte er nach zahlreichen Exkursionen den Eindruck gewonnen, dass er noch unglaublich weit davon entfernt war, ein Botaniker zu sein, aber immerhin ein Liebhaber von Pflanzen geworden zu sein, der f\u00fcr sich selbst die M\u00f6glichkeit, sich zu einem engagierten Freizeit-Botaniker zu entwickeln, nicht mehr ganz in das Reich der Fantasie verbannen wollte, wie er es zu Anfang getan hatte. Und so war in ihm die Bereitschaft gereift, das noch lange fortzusetzen, was einmal eher zuf\u00e4llig begonnen hatte: einen kleinen Beitrag daf\u00fcr zu leisten, dass die Menschen noch mehr dar\u00fcber erfahren, welche Pflanzen an welchen Orten anzutreffen sind und dort bewundert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PETER M\u00dcLLER, Karlsruhe Es war einmal ein \u00e4lterer Herr, der eigentlich schon von Kindesbeinen an gerne auf Blumen schaute und sich an ihrem Anblick erfreuen konnte. 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